Drohende Krise in der Hausarztmedizin?

Das Ende einer Hausarztpraxis – weil man keinen Nachfolger findet?

Der Zuger Arzt Reto L. Godly beklagt sich im «Amtsblatt», er finde für seine Praxis keine Nachfolge.

Der Facharzt für Innere Medizin schliesst seine Praxis denn auch aus gesundheitlichen und aus Altersgründen. «Meine mehrjährige Suche nach einem Praxisnachfolger war erfolglos. Ich bin deshalb gezwungen, meine Praxis aufzulösen. Für Ärzte aus dem Ausland hat ein regierungsrätlicher Beschluss die Zulassung sehr erschwert.»[1]

Das ist leider kein Einzelfall!

Seit Juli 2021 erschweren neue Zulassungsbestimmungen ausländischen Ärztinnen und Ärzten den Einstieg in die Hausarztmedizin

Nach fast zwanzig Jahren befristeter Zulassungsbeschränkungen im ambulanten Bereich ist eine neue, dauerhafte gesetzliche Grundlage für die Zulassung von Ärztinnen und Ärzten geschaffen worden. Die Gesetzesänderung wurde von den eidgenössischen Räten in der Sommersession 2020 verabschiedet. Sie ist seit dem 1. Juli 2021 in Kraft und bedeutet 

konkret, dass die Zulassung nur erhält, wer eine mindestens dreijährige Tätigkeit an einer anerkannten Weiterbildungsstätte in der Schweiz nachweisen kann.[2]

Nur noch ein Hausarzt für 5800 Personen? Berner Studie prognostiziert dramatische Versorgungslücken für einzelne Regionen

Weil viele Hausärzte bald ins Rentenalter kommen, droht ein Versorgungsmangel. Berner Forscher zeigen nun erstmals auf, was auf einzelne Regionen zukommt.[3]

Für eine funktionierende Gesundheitsversorgung ist das Personal entscheidend – das hat sich in der Coronakrise überdeutlich gezeigt: Nicht das Fehlen medizinischer Gerätschaften oder eine ungenügend hohe Zahl an Intensivbetten stellte die Spitäler bei steigenden Fallzahlen vor grosse Probleme, sondern die knappe Verfügbarkeit von qualifiziertem Personal.

Doch auch ohne die Pandemie drohen in der Schweiz Versorgungslücken: Seit Jahren macht sich in vielen Regionen ein schleichender Mangel an Hausärztinnen und Hausärzten bemerkbar. Damit kommt der Bevölkerung die wichtigste Anlaufstelle beim Auftauchen gesundheitlicher Probleme abhanden.

Ein Forschungsteam hat jetzt untersucht, was diese Entwicklung in den nächsten Jahren für die Berner Bevölkerung bedeutet – mit ernüchterndem Ergebnis: Bis 2025 müssen allein im Kanton Bern mindestens 270 neue Ärztinnen und Ärzte in die Hausarztmedizin oder die Pädiatrie einsteigen – und dies nur, um das derzeitige Versorgungsniveau zu halten (972 Grundversorger, Stand 2020).

60 Prozent der Ärzte nehmen kaum noch Patienten auf

Bemerkenswert ist die Untersuchung, weil sie erstmals ein umfassendes und differenziertes Bild der Situation für einen grossen Kanton schafft. Zsofia Rozsnyai und Sven Streit von der «Neuen Zürcher Zeitung» schrieben sämtliche in der Grundversorgung des Kantons Bern tätigen Ärztinnen und Ärzte an; an der Umfrage zum aktuellen und künftigen Pensum, aber auch zur gegenwärtigen Versorgungssituation in ihrer Region beteiligten sich schliesslich 95 Prozent der Angeschriebenen.

Alarmierend ist dieser Befund, weil er einen erheblichen Rekrutierungsbedarf für die kommenden Jahre aufzeigt. Gemäss der Studie ist die Versorgungslage aber schon heute alles andere als berauschend: 67 Prozent aller Hausärzte und -ärztinnen beklagen einen Versorgungsmangel. Und 60 Prozent haben aus diesem Grund einen teilweisen oder kompletten Aufnahmestopp verfügt. Vielerorts dürfte es immer schwieriger werden, einen Hausarzt zu finden.

  • Von 972 in der Grundversorgung tätigen Ärzten waren 2020 13 Prozent (129) bereits über dem Pensionsalter. Bei den Hausärzten ist dieser Anteil sogar noch höher.
  • Im ganzen Kanton gibt es nur gerade 245 Ärzte, die keinen Aufnahmestopp für Patientinnen und Patienten verfügt haben (Stand 2020).
  • In Bern kommen auf einen Grundversorger über den ganzen Kanton gesehen 1333 Personen. Die Situation variiert aber je nach Gegend stark: In der Region Thun gibt es einen Arzt auf 1075 Personen, während dieses Verhältnis im Verwaltungskreis Frutigen-Niedersimmental 1 zu 1700 beträgt.
  • Basierend auf den Angaben der Befragten wird sich dieses Verhältnis bis 2025 ohne neue Ärzte teilweise dramatisch verändern. In einzelnen Regionen gibt es dann nach heutigem Stand nur noch einen Grundversorger für 5800 Personen. Selbst in einer städtischen Agglomeration wie Biel verschlechtert sich das Verhältnis auf 1 zu über 2000.

Die Autoren gehen nicht darauf ein, ab welcher Ärztedichte von einer Unterversorgung gesprochen werden kann. Aus der Studie geht jedoch deutlich hervor, dass sogar eine Stabilisierung der Versorgungssituation schwierig zu bewerkstelligen sein wird: Selbst wenn die Haus- und Kinderärzte in Zukunft dasselbe Pensum leisteten wie heute, wenn jeder fünfte Grundversorger aus dem Ausland stammte und wenn sich 20 Prozent der Studienabgänger für eine Tätigkeit in der Grundversorgung gewinnen liessen, würden weiterhin jährlich zusätzlich 11 Ärztinnen oder Ärzte fehlen.

 

Quellen:

[1] Holz, Wolfgang: Das Ende einer Hausarztpraxis – weil man keine Ausländer will? In: zentralplus.ch, 13.4.2018 (https://www.zentralplus.ch/politik/das-ende-einer-hausarztpraxis-weil-man-keine-auslaender-will-830379/)

[2] Henggi, Bruno: Neue Zulassungsbestimmungen für Ärztinnen und Ärzte ab Juli 2021. In: saez.ch, 1.7.2020 (https://saez.ch/article/doi/saez.2020.19040)

[3] Gerny, Daniel: Nur noch ein Hausarzt für 5800 Personen? Berner Studie prognostiziert dramatische Versorgungslücken für einzelne Regionen. In: nzz.ch, 10.9.2021 (https://www.nzz.ch/schweiz/nur-noch-ein-einziger-hausarzt-fuer-5800-personen-berner-studie-prognostiziert-dramatische-luecken-in-der-regionalen-gesundheitsversorgung-ld.1644690

Melanie Decker
Partner